Eine kleine, knapp 100 Seiten umfassende Schrift fand dieser Tage Eingang in den Postzulauf des Verfassers dieses Beitrages. Sie trägt die Überschrift „Architektur und Mediation“. Und in einer Unterzeile zu den Autoren heißt es: „Dialog zwischen Vater und Sohn“.
Assoziativ dürfte der unbefangene Leser dazu neigen, diesen Titel der von Leon Weissheimer und Heiner Krabbe vorgelegten Arbeit mit Bau- und Planungskonflikten gleichzusetzen. Dies ist jedoch, wie noch auszuführen sein wird, nicht der Ansatz, den die Autoren verfolgen. Doch was hat es mit der Unterzeile „Dialog zwischen Vater und Sohn“ auf sich? Nun, in der Tat stehen die beiden Autoren im Verhältnis von Vater und Sohn: Heiner Krabbe, mediatorisches Urgestein im deutschsprachigen Raum, ist der Vater; und Leon Weissheimer, Architekturstudent in Zürich, sein Sohn.
Leon Weissheimer, als Kind von seinen Eltern immer wieder mit den Themen Mediation und Psychotherapie konfrontiert, wirft die Frage auf, ob und wie Methoden und Techniken der Mediation mit der Architektur, die er als Gestaltung von Lebensräumen versteht, verknüpft werden können. Und zwar nicht erst, wenn Konflikte zwischen Bauherrn und Architekten, zwischen Bauherren untereinander oder zwischen Bauherren und Baufirmen bestehen, sondern bereits in einem weiten Vorfeld, in dem es darum geht, die Wünsche und Bedürfnisse der Bauherrenschaft kennenzulernen, um sie dann als Architekt entsprechend umzusetzen.
Kurzweilig liest sich der Dialog zwischen Vater und Sohn: Leon Weissheimer stellt die Fragen und Heiner Krabbe gibt in seiner unmissverständlichen und klaren Art, die auch seine Aus- und Fortbildungen auszeichnen, die entsprechenden Antworten. Er führt in einer Art Schnelldurchlauf durch alle Phasen der Mediation und erläutert die dazugehörenden Methoden und Techniken. Für all diejenigen, die bereits im Bereich von Mediation tätig sind, eine kompakte Wiederholung, für diejenigen, die sich erstmals damit auseinandersetzen, eine gut nachvollziehbare Einführung.
Doch es geht den Autoren nicht um darum, ein Mediationsskript vorzulegen, sondern das Verhältnis von Architektur und Mediation zu beleuchten – was beim Leser immer wieder Aha-Effekte auslösen dürfte. Denn dass sich Phasen, Methoden und Techniken bereits im Vorfeld von sowie bei Vertragsverhandlungen zwischen Bauherrenschaft und Architekten nutzbringend einsetzen lassen, erschließt sich bekanntlich nicht auf den ersten Blick. Leon Weissheimer macht dies im 3. Teil unter Anhang deutlich. Er fasst den Dialog mit seinem Vater und die Notwendigkeit einer guten Vorbereitung für durchzuführende Architektenleistungen, die – wie er es darlegt – mehr Dauerhaftigkeit, Verwurzelung, Identifikation und Fürsorge ermöglichen und den sozialen und ökologischen Kontext greifbarer machen, wie folgt zusammen:
- Betroffene Personen zu Wort kommen lassen
- Sprecher und Sprecherinnen zum Erarbeiten ortsbezogener Interessen und Bedürfnisse, aber auch von Ökosystemen bestimmen
- Nicht nur nach dem „Warum?“, sondern auch nach dem „Wieso?“ fragen
- Frühzeitige Einbindung derer, die es angeht
- Gemeinsame Interessen identifizieren
- Kommunikationstechniken anwenden
- Grenzen des mediativen Ansatzes erkennen
Alles in allem ein interessanter Ansatz, der Hoffnung gibt zu der Annahme, dass sich manch geneigter Leser Gedanken machen und diese auch veröffentlichen wird, in welch anderen Kontexten das hier Vorgestellte, unabhängig von bereits bestehenden Konflikten, ebenfalls im Vorfeld nutzbringend eingesetzt werden könnte.