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Einzelgespräche bei Trennung und Scheidung zur Reduzierung Covid-19 bedingten Stresses

Noch immer beherrscht COVID-19 das Setting und die Durchführung von Mediationen. Das gilt für alle einer Mediation zugänglichen Themen und Konfliktbereiche, wenngleich sich in einigen die pandemiebedingten Auswirkungen besonders deutlich zeigen. Es sind dies vor allem Verfahren wie „Trennung und Scheidung“, „Erbauseinandersetzungen“ oder sonstige „Konflikte mit starken familiären Bezügen“, die ohnehin regelmäßig stark von Emotionen und nunmehr zudem durch die Sorge einer Ansteckung mit dem SARS-CoV-2 Virus geprägt sind. So sehen sich nach den Erfahrungen des Verfassers Paare, die in einer Trennungssituation stehen und diese mit Hilfe einer Mediation möglichst stressreduziert durchführen wollen, zusätzlichen Belastungen durch die bestehende pandemische Situation ausgesetzt. Dem gilt es durch veränderte Rahmenbedingungen zu entsprechen.

 

Online-Mediationen als Ausweg?

Nun haben bekanntlich Online-Mediationen in den vergangenen Monaten einen starken Anstieg zu verzeichnen, so dass es naheliegt, diese Möglichkeit auch für Trennungsmediationen in Betracht zu ziehen. Ihnen sind jedoch – bei aller Begeisterung und allem Enthusiasmus für Online-Mediationen, wie er sich in vielen Berichten wieder findet – klare Grenzen gesetzt:

So haben sie sich ersichtlich in Mediationen mit allenfalls leichten bis mittelschweren Konfliktgraden (Glasl 3/4) und vor allem in solchen Bereichen bewährt, die wie Wirtschaftsmediationen (B2B, C2B) überwiegend rational, geschäftsmäßig und gelegentlich auch juristisch geprägt sind.

 

Besonderheiten von Trennungsmediationen

Ganz anders jedoch stellt sich die Situation in Familienmediationen, namentlich bei Trennung und Scheidung dar:

Der Erfolg in derartigen Konfliktgeschehen ist bekanntlich in nicht unerheblichem Maße abhängig vom erfolgreichen Beziehungsaufbau des Mediators mit den Konfliktparteien und dem wechselseitigen Verständnis der Medianden im Hinblick auf ihre jeweiligen Bedürfnisse. Einer Online-Mediation sind von daher klare Grenzen gesetzt. Das gilt in besonderem Maße, wenn persönliche Verletzungen wie auch Missverständnisse Anlass und Auslöser für starke Emotionen sind.

 

Lösungsweg: Caucus und Shuttle-Mediation

Damit in derartigen Konstellationen der zusätzliche pandemiebedingte Stress sich nicht auch noch negativ auf ein face2face geführtes Verfahren auswirken kann, hat der Verfasser in den letzten Monaten verstärkt von Einzelgesprächen (Caucus) Gebrauch gemacht. Diese wie auch die Shuttle-Mediation haben sich als ein außerordentlich erfolgreiches Setting erwiesen, um auch in Zeiten von Corona Trennungspaare dabei zu unterstützen, mit Hilfe der Mediation zu einer guten Lösung zu gelangen.

 

Vorteile von Einzelgesprächen

Die Vorteile von Einzelgesprächen, namentlich bei Konflikten und in Situation wie sie eingangs geschildert wurden, liegen auf der Hand. Dazu zählen insbesondere

 

>  Beseitigung von Kommunikationsbarrieren

>  Stressabbau bzw. Vermeidung zusätzlichen Stresses

>  Förderung von Kreativität

>  Rationale Einschätzung von Einigungsalternativen

>  Einsatz von Konflikt-Coaching-Tools, um die Parteien in Abwesenheit der anderen

Konfliktpartei für das gemeinsame Mediationsgespräch vorzubereiten und die

jeweiligen Selbstlösungs- und Steuerungskompetenzen in Bezug auf den Konflikt

zu verbessern (siehe hierzu auch Fritz /Klenk,  Einzelgespräche, ZKM 2016, 164 ff,

210 ff).

 

Voraussetzungen

Die Durchführung eines Einzelgesprächs setzt ein allseitiges Einverständnis der Parteien voraus. Ein Einzelgespräch kann von jeder Partei jederzeit beantragt werden, wenngleich sich in der Praxis gezeigt hat, dass die Initiative hierfür regelmäßig vom Mediator ausgeht (das Mediationsgesetz verwendet in seinem § 2 Abs. 3 Satz 2 die Terminologie „getrennte Gespräche“. Zu Einzelheiten siehe Fritz / Pielsticker, Handbuch zum Mediationsgesetz, 2. Aufl., 2020).

 

Bestimmungen, wie häufig, zu welchem Zeitpunkt oder wie lange Einzelgespräche eingesetzt werden können, finden sich im Mediationsgesetz nicht. Das gilt auch für das Setting der Shuttle-Mediation, in der bekanntlich in getrennten Gesprächen des Mediators mit den Medianden Themen, Interessen und Optionen herausarbeitet werden, bevor dann in gemeinsamer abschließender Sitzung ein Ergebnis vereinbart wird. Es bleibt stets der Führungskompetenz des Mediators überlassen, wann,  wie oft und mit welchen Inhalten er– im wohlverstandenen Interesse der Parteien – hiervon Gebrauch machen möchte.

 

Fortbildungsangebot

adribo ACADEMY bietet  in diesem Jahr wiederum ein zweitägiges Seminar an, in dem die Anlässe, die Vor- und Nachteile, die Organisation und die Durchführung von Einzelgesprächen sowie der Einsatz konkreter Konflikt-Coaching-Tools auch und gerade in Zeiten von Corona behandelt werden.

 

Die Veranstaltung mit dem Titel Einzelgespräche und Konflikt-Coaching-Tools findet am 23. und 24. Oktober 2020 in Frankfurt am Main statt und

umfasst 15 Fortbildungsstunden, die den Teilnehmern bescheinigt werden. Die Kosten einschließlich umfangreicher Tagungsmaterialien belaufen sich auf 440.- Euro zzgl. MwSt.

 

Einzelheiten und Anmeldemöglichkeiten finden sich auf der adribo ACADEMY Homepage hier.

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